Grundlagen und Neuerungen der Musterbauordnung in Verbindung mit dem gebäudetechnischen Brandschutz

Baulichen- und anlagentechnischen Brandschutz in Einklang bringen

von Arne Schneiders & Frank Möller

Das EuGH Urteil von Oktober 2016 zum Bauproduktenrecht hat neben der hierdurch ausgelösten Verwirrung weittragende Konsequenzen für die Bauordnungen der Länder.

Durch das Urteil wurde die Bundesrepublik verpflichtet Bauprodukte zukünftig nach den Regeln der Bauproduktenverordnung im Vertrieb zuzulassen, da der Handel im europäischen Binnenmarkt durch die nationalen Sicherheitsanforderungen für den Einbau von Bauprodukten ein Handelshemmnis darstellen soll.

Die nationalen Sicherheitsanforderungen dürfen nur losgelöst vom Vertrieb in Eigenverantwortung der Länder durchgesetzt werden.

Durch das vorgenannte Urteil sind sämtliche Bundesländer verpflichtet, eine Verwaltungsvorschrift für Technische Baubestimmungen (VV TB) einzuführen, da die bisher gültigen Bauregellisten nicht dazu verwendet werden dürfen, zusätzliche Zulassungen für den wirksamen Marktzugang und die Verwendung von Bauprodukten zu verlangen, statt die erforderlichen Bewertungsmethoden und Kriterien im Rahmen der europäisch harmonisierten Normen aufzunehmen.

Die Verwaltungsvorschrift für Technische Baubestimmungen hat den großen Vorteil, dass nunmehr alle bautechnischen Anforderungen in einem relativ übersichtlichen Werk zusammengestellt wurden. Als Nachteil ist allerdings der Umfang zu werten, der um ein Vielfaches im Vergleich zu den Bauregellisten angestiegen ist. Das Werk besteht inzwischen aus vier Teilen und 14 Anhängen, wobei den Anhängen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zukommt.

Da die Bauregellisten als Konkretisierung der Bauordnungen an diese gekoppelt sind, müssen sämtliche Landesbauordnungen in etlichen Paragrafen mit Bezug auf das Bauproduktenrecht ebenfalls angepasst werden. Im Rahmen dieser Anpassungen haben die Landesbauordnungen an verschiedensten Stellen weitere Novellierungen erfahren, besonders im Bereich der Barrierefreiheit.

Dieser Anpassungsverpflichtung sind noch nicht alle Bundesländer trotz Fristsetzung nachgekommen. Die meisten Landesbauordnungen haben sich sinnvollerweise größtenteils an die Musterbauordnung angepasst.

Im Umgang mit der Landesbauordnung ist immer wieder festzustellen, dass Begriffe fehlinterpretiert werden. Das führt in der Konsequenz häufig zu einer Kostensteigerung – und dies besonders mit Blick auf die Schnittstelle zwischen baulichen und anlagentechnischen Brandschutz.

Die Unsicherheiten zu Basisbegriffen der neuen Landesbauordnung mit Blick auf den Brandschutz zu beseitigen und den Bogen zum anlagentechnischen Brandschutz zu schlagen muss Ziel einer ganzheitlichen Betrachtung werden. Nur mit dem Verständnis für beide Seiten – anlagentechnischer und baulicher Brandschutz – ist auf Dauer der sachgerechte Umgang mit dem Brandschutz möglich.

Daneben sind die Anforderungen zum Erlangen von Verwendbarkeitsnachweisen deutlich komplexer geworden. Neben der Einführung von europäischen Begriffen und neuen Klassifizierungsbezeichnungen ist auch für Baufachleute kaum nachvollziehbar, welche Verwendbarkeitsnachweisen auf welcher Grundlage zur Abnahme eines Bauwerks erforderlich sind, bzw. wie man in den Besitz der Verwendbarkeitsnachweise gelangt.

Durch die sich permanent verschärfenden rechtlichen Regelungen erfahren kreative Entwicklungen im Bauwesen eine deutliche Einschränkung, der nur mit Kenntnis über die rechtlichen Regelungen und dem Spiel mit Normen und Vorschriften gegengesteuert werden kann – Kreativität durch Ausschöpfen des rechtlichen Rahmens als ausreichende Mindestanforderung.

In den Bundesländern, in denen die VV TB bauordnungsrechtlich eingeführt ist, wurde die neue Leitungsanlage-Richtlinie (LAR) mit dem Stand 2016, als technische Baubestimmung ebenfalls mit eingeführt. Neben der Konkretisierung von notwendigen Rettungswegen im Geltungsbereich der LAR und den Erleichterungen bei Abschottungen in feuerhemmenden Wänden wurden Anpassungen beim elektrischen Funktionserhalt im Brandfall vorgenommen.

In modernen Gebäuden mit immer komplexerer Infrastruktur, steigt die Installationsdichte bei Leitungsanlagen stetig an. Immer mehr Rohrleitungen und elektrische Leitungen queren notwendige Rettungswege und durchdringen raumabschließende Bauteile mit einem Feuerwiderstand. Hinzu kommt die immer weiter steigende Komplexität bei den sicherheitstechnischen Anlagen, die zur Erreichung der projektspezifischen Schutzziele zum Einsatz kommen. Die LAR in Verbindung mit den allgemein anerkannten Regeln der Technik, wie z. B. DVGW oder VDE Regelwerken, ist das Fundament einer sicheren Fachplanung und Ausführung im Schnittstellenbereich Brandschutz und den Leitungsanlagen der technischen Gebäudeausrüstung.

Die Vielzahl unterschiedlicher Bauprodukte und Bauarten, die bei der Installation von Leitungsanlagen in Verbindung mit nationalen und europäischen Verwendbarkeitsnachweisen zur Anwendung kommen, stellt viele am Bau Beteiligte vor eine fast unlösbare Aufgabe. Das richtige Verständnis zu den Schutzzielen der LAR und eine korrekte Interpretation der Anforderungen, helfen dem Praktiker ungemein, eine zielgerichtete und wirtschaftliche Umsetzung zu realisieren.

Insbesondere im Bereich der Elektrotechnik hat sich in den letzten Jahren ein rasanter technischer Wandel vollzogen, der dazu führt, dass z. B. die Schutzziele beim elektrischen Funktionserhalt teilweise mit einem deutlich geringeren Aufwand umzusetzen sind.

Zu einer soliden Brandschutzfachplanung gehört es insbesondere die Schnittstellen zwischen dem baulichen- und anlagentechnischen Brandschutz in Einklang zu bringen. Unter Beachtung der gesetzlichen Anforderungen und dem richtigen Umgang mit den technischen Baubestimmungen, Regelwerken und Verwendbarkeitsnachweisen, muss Brandschutz nicht immer zu einem unverhältnismäßigen Kostentreiber und Problemfall werden.

 

Frank Möller

Fachplaner und Sachverständiger für gebäudetechnischen Brandschutz (EIPOS), Zertifizierter Fachplaner für Brandmeldeanlagen nach DIN 14675, Geschäftsführender Gesellschafter der Möller BSP GmbH und Partner der ML Sachverständigengesellschaft mbH, Dozent bei ElPOS und im Berufsbildungszentrum Kassel, Mitautor des Kommentars zur MLAR 2016

DIPL.-ING.

Arne Schneiders

Architekt AKNW, Sachverständiger für vorbeugenden Brandschutz (EIPOS), Fachkraft für Flucht- und Rettungspläne nach DIN 23601, Fachkraft für Feuerwehrpläne nach DIN 14095, Inhaber des Büros „Arne Schneiders, Büro für Architektur und Brandschutz“, Partner der ML Sachverständigengesellschaft mbH